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Das 14. Jahrhundert zu besuchen

Von Thomas Latimers Burg steht nichts mehr. Nur noch die Karpfenbecken sind zu sehen, die ich im ersten Kapitel der »Brillenmacherin« beschreibe. (Heute sind sie Krater in der Wiese.) Dafür gibt es die Brücke über den Fluß noch, die Sir Thomas Latimers Großvater gebaut hat, und in der Kirche, die ebenfalls im Roman vorkommt und noch steht, befindet sich der hölzerne Sarg des Großvaters.

Ich erinnere mich gern an die Reise nach Braybrooke zurück. Das Wetter der Midlands am eigenen Leib zu spüren, bei Sonnenaufgang den Schafen zuzuhören, die das Gras abrupfen und kauen, und den gelben Mohn am Wegrand zu entdecken – viele schöne Szenen des Romans basieren auf den Notizen meiner Englandreise. Natürlich hat es mir auch geholfen, dass mir die Einheimischen Kontakt zu den Nachfahren von Sir Thomas Latimer vermittelt haben, und ich so an nützliche Informationen über den Ritter aus dem Familienarchiv kam.

Wir denken meist in Zeiträumen von einigen Wochen. Jahrhunderte sind uns eine fremde Zeitrechnung. Umso aufregender war es für mich, das 14. Jahrhundert zu besuchen und vor Ort in den Midlands seine Spuren zu sehen. Man kommt sich klein vor. Und man staunt, wie viel sich in der Welt verändert hat seit damals, inzwischen gibt es Computer, Autos, Drohnen mit Raketen. Der Ritter Thomas Latimer hätte es kaum fassen können. Anderes ist kaum verändert: die Brille, zum Beispiel.

Romane überarbeiten

Am liebsten würde ich alle meine Romane nach zehn Jahren überarbeiten. Ich habe dann die Geschichte nicht mehr im Kopf und gehe unbedarft an sie heran, ich lebe mit ihr mit und spüre ihre scharfen Kanten. Hier und da sprachlich nachzubessern oder logische Fehler zu beseitigen, das ist wie Briefmarkensortieren, wie Puzzeln oder Aufräumen. Zutiefst befriedigend.

Bei fünf Büchern durfte ich das jetzt machen, nächste Woche erscheint die überarbeitete Version der »Brillenmacherin« und ich freue mich darüber wie über einen völlig neuen Roman.

Das Lesen mit zeitlichem Abstand ist aufregend für mich. Den Papierstapel vor mir zu haben und zu wissen, dass ich das Buch gleich zum ersten Mal wirklich lesen werden, weckt die bange innere Frage: Taugt es was? Ein angenehmer Bauchkitzel. Mein Fazit nach fünf überarbeiteten Romanen: »Die Todgeweihte«, »Die Jesuitin« und »Der Kuss des Feindes« sind okay, »Der Kalligraph des Bischofs« und »Die Brillenmacherin« haben Tiefe. Diese zwei geben mir etwas Besonderes beim Lesen (als hätte ich vor Jahren etwas in sie eingeschlossen wie eine Kapsel mit Medizin).

Jetzt würde ich gern mit dem »Mysterium« weitermachen. Was sagt ihr, lieber Heyne-Verlag?

Vom Versuch, ein Hörbuch aufzunehmen

Zuerst war ich verblüfft, wie sehr mein Arbeitszimmer hallt, wenn ich mit dem Mikro Aufnahmen mache. Erst mit einer Decke über dem Kopf und halb in den geöffneten Kleiderschrank hineingekrochen, klang es gut. Allerdings wurde mir schon nach zwei Minuten sehr warm unter der Decke. Undenkbar, ein ganzes Hörbuch so einzulesen.

Also musste Dämmmaterial her. Dort, wo ich das gute, teure Mikro gekauft hatte, gab es auch die Dämmung. Es konnte losgehen!

Wir wohnen in einer ruhigen Seitenstraße, man hört fast nie etwas. Aber als ich nachmittags mit den Aufnahmen loslegte, war alle paar Minuten ein Hundebellen zu hören, in der Ferne fuhr eine Feuerwehr, eine Autotür schlug zu. All diese Geräusche blende ich im Alltag aus. Für ein Hörbuch sind sie undenkbar, und dieses verflixt empfindliche Mikrofon nahm alles auf. Ich musste warten, bis es Nacht war.

Am Ende wurden es mehrere Nächte. Wünscht ihr euch jemanden, der euch eine Weihnachtsgeschichte vorliest? Ich komme gern zu euch, oder sagen wir: eine Aufnahme von mir. Gerade ist bei Audible »Tanz mit mir, Aurelia« als Hörbuch erschienen.

Dramatische Filmaufnahmen

Starke Filmaufnahmen vom 17. Juni 1953. (Heute vor 66 Jahren fand der Aufstand statt.) Der Tagesschau-Sprecher spricht allerdings etwas zu dramatisch – da wird mir bewusst, wie sehr ich mich daran gewöhnt habe, dass selbst die aufwühlendsten Nachrichten in der Tagesschau mit unbewegter Haltung aufgesagt werden.

17. Juni Tagesschau

Ich lese heute aus meinem Roman zum Aufstand in der Stadtbibliothek in Meiningen/Thüringen. Aber da ich kein Tagesschau-Sprecher bin, darf ich dramatisch klingen.