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Alltag bei Thomas Mann

Wie kam eigentlich Thomas Mann mit dem »Homeoffice« klar? Er gilt als höchst diszipliniert ... war es aber gar nicht. Gerade ist ein herrlicher Artikel darüber in der ZEIT erschienen.

Ich habe über Thomas Mann in meinem Franz Tausend-Roman hübsche (wahre) Details ausgegraben, die ihn menschlich zeigen. Wie er als Jurymitglied bei einem großen Romanwettbewerb kein einziges der Manuskripte gelesen hat, und dann kam der Mann der Kölner Zeitung, die den Wettbewerb veranstaltete, unangemeldet zu ihm nach Hause und er musste bei Kaffee und Kuchen über Bücher reden, die er nicht kannte ... Wie ihn ein Personal Trainer, so würden wir es heute nennen, alle zwei Tage zu Hause besuchte und ihn Seilhüpfen ließ ... Wie er es hasste, fotografiert zu werden ...

Und all das schreibe ich und freue mich auch am entzaubernden Artikel in der ZEIT, und liebe doch Thomas Manns Geschichten, allen voran den »Zauberberg«.

Können Sie mir das vorlesen?

Heute: WDR-Dreh in Gaby Trombello-Wirkus' »Schriftschatz«-Werkstatt zu unserem Buch »Die fast vergessene Kunst des Briefeschreibens«. Ich mit meiner winzigen Handschrift, gefilmt beim Schreiben! Aber Gaby hatte gute Tipps für mich. Bald sagen die Leute nicht mehr, wenn ich ein Buch signiere: »Danke für die Widmung, können Sie mir das vorlesen?«

WDR Dreharbeiten zum Briefebuch

Freue mich, dass wir vom schönen Briefe-Buch erzählen konnten. Nachtrag: Inzwischen ist die Sendung online gegangen, hier kann man sie ansehen.

Das 14. Jahrhundert zu besuchen

Von Thomas Latimers Burg steht nichts mehr. Nur noch die Karpfenbecken sind zu sehen, die ich im ersten Kapitel der »Brillenmacherin« beschreibe. (Heute sind sie Krater in der Wiese.) Dafür gibt es die Brücke über den Fluß noch, die Sir Thomas Latimers Großvater gebaut hat, und in der Kirche, die ebenfalls im Roman vorkommt und noch steht, befindet sich der hölzerne Sarg des Großvaters.

Ich erinnere mich gern an die Reise nach Braybrooke zurück. Das Wetter der Midlands am eigenen Leib zu spüren, bei Sonnenaufgang den Schafen zuzuhören, die das Gras abrupfen und kauen, und den gelben Mohn am Wegrand zu entdecken – viele schöne Szenen des Romans basieren auf den Notizen meiner Englandreise. Natürlich hat es mir auch geholfen, dass mir die Einheimischen Kontakt zu den Nachfahren von Sir Thomas Latimer vermittelt haben, und ich so an nützliche Informationen über den Ritter aus dem Familienarchiv kam.

Wir denken meist in Zeiträumen von einigen Wochen. Jahrhunderte sind uns eine fremde Zeitrechnung. Umso aufregender war es für mich, das 14. Jahrhundert zu besuchen und vor Ort in den Midlands seine Spuren zu sehen. Man kommt sich klein vor. Und man staunt, wie viel sich in der Welt verändert hat seit damals, inzwischen gibt es Computer, Autos, Drohnen mit Raketen. Der Ritter Thomas Latimer hätte es kaum fassen können. Anderes ist kaum verändert: die Brille, zum Beispiel.

Romane überarbeiten

Am liebsten würde ich alle meine Romane nach zehn Jahren überarbeiten. Ich habe dann die Geschichte nicht mehr im Kopf und gehe unbedarft an sie heran, ich lebe mit ihr mit und spüre ihre scharfen Kanten. Hier und da sprachlich nachzubessern oder logische Fehler zu beseitigen, das ist wie Briefmarkensortieren, wie Puzzeln oder Aufräumen. Zutiefst befriedigend.

Bei fünf Büchern durfte ich das jetzt machen, nächste Woche erscheint die überarbeitete Version der »Brillenmacherin« und ich freue mich darüber wie über einen völlig neuen Roman.

Das Lesen mit zeitlichem Abstand ist aufregend für mich. Den Papierstapel vor mir zu haben und zu wissen, dass ich das Buch gleich zum ersten Mal wirklich lesen werden, weckt die bange innere Frage: Taugt es was? Ein angenehmer Bauchkitzel. Mein Fazit nach fünf überarbeiteten Romanen: »Die Todgeweihte«, »Die Jesuitin« und »Der Kuss des Feindes« sind okay, »Der Kalligraph des Bischofs« und »Die Brillenmacherin« haben Tiefe. Diese zwei geben mir etwas Besonderes beim Lesen (als hätte ich vor Jahren etwas in sie eingeschlossen wie eine Kapsel mit Medizin).

Jetzt würde ich gern mit dem »Mysterium« weitermachen. Was sagt ihr, lieber Heyne-Verlag?