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Dramatische Filmaufnahmen

Starke Filmaufnahmen vom 17. Juni 1953. (Heute vor 66 Jahren fand der Aufstand statt.) Der Tagesschau-Sprecher spricht allerdings etwas zu dramatisch – da wird mir bewusst, wie sehr ich mich daran gewöhnt habe, dass selbst die aufwühlendsten Nachrichten in der Tagesschau mit unbewegter Haltung aufgesagt werden.

17. Juni Tagesschau

Ich lese heute aus meinem Roman zum Aufstand in der Stadtbibliothek in Meiningen/Thüringen. Aber da ich kein Tagesschau-Sprecher bin, darf ich dramatisch klingen.

Spazieren. Nur spazieren. Spazieren?

Wir Menschen des des 21. Jahrhunderts mögen keine Wege. Wir eliminieren sie, wo wir können. Wege erscheinen uns wie Wartezeiten, verschwendete Zeit, Stagnation. Wir jubeln, wenn der ICE von München nach Berlin nur noch vier Stunden braucht. Wir stöhnen über den Fußweg zum Briefkasten. Statt Briefen schreiben wir Mails und die Postunternehmen überleben das Sterben der Briefpost nur, weil wir so viel online einkaufen.

Zur Videothek gehen wir nicht mehr. Um Geld zu sparen, brachte ich früher die entliehene DVD noch am selben Abend zurück, auch wenn es bereits nach Mitternacht war, ich genoss die erfrischende Nachtluft. Der Weg zur Videothek half mir, den Film zu verarbeiten. Heute streamen wir und bezahlen lieber das Dreifache, um den Fußweg einzusparen.

Den Weg zum Restaurant scheuen wir und bestellen lieber den Lieferservice zu uns nach Hause – was im Grunde bloß heißt, dass jemand anderes den Weg macht.

Statt in eine Buchhandlung zu gehen, bekommen wir unsere Bücher in anonymen Päckchen. Auch hier macht jemand anderes den Weg, und obwohl der Onlinehändler das Porto übernimmt, bezahlen wir für den Komfort mit toten, leeren Innenstädten, weil die Buchhandlungen und viele andere Läden schließen. Wir bezahlen damit, dass wir nicht mehr stöbern gehen können. Stöbern, sagt man das überhaupt noch?

Bei Büchern bin ich konsequent, die kaufe ich nur in der Buchhandlung. Ich mag es, ein Buch von einem Menschen zu kaufen. Aber ich falle dafür bei anderen Themen um. Gerade wollte ich in München Schuhe kaufen, die das Kaufhaus jedoch in meiner Größe nicht vorrätig hatte. Ein weiteres Geschäft hatte meine gewohnte Marke nicht, und noch länger zu suchen erschien mir zu aufwendig und zeitraubend. Ich weiß genau, wo es den Schuh online gibt ...

Nicht mal den Weg vom Sofa zum Fernseher wollen wir machen. Ich kann mich gut erinnern, wie wir den ersten Fernseher mit Fernbedienung bekamen. Ich war Teenager. Fasziniert hielt ich das kleine Funkkästchen in der Hand. Es erschien mir dekadent, damit die zwei Schritte zum Fernseher zu sparen.

Heute wäre es mir unvorstellbar, zum Umschalten einen Knopf am Fernseher drücken zu müssen.

Ich sitze auf dem Sofa und fluche, wenn die Fernbedienung wieder mal spinnt. Würde ich einen Fernseher überhaupt ertragen, der nach dem Anschalten eine Weile zum Aufwärmen braucht und dann zuerst nur den Ton wiedergibt, bis allmählich auch das Bild erscheint? Den leuchtenden Punkt auf der Mattscheibe, wenn man den Apparat ausschaltete, werde ich nie vergessen.

Immer sind wir in Eile und zu spät dran. Verwirrte kleine Kreaturen, die versuchen, durch Hast auszugleichen, was ihnen an Zielgerichtetheit und Ruhe fehlt.

Da scheint das Spazierengehen anachronistisch zu sein. Es bringt uns nicht weiter. Es erwirtschaftet kein Geld, steigert nicht unseren Marktwert, es passt nicht in unsere Ranking-Sucht. Wir veranstalten einen Modelwettbewerb, um zu wissen, wer die beste Brust hat, die besten Augen, das beste Haar, Fernsehsendungen drehen sich darum: Wer kann besser kochen? Besser singen? Besser einkaufen? Wir sind Spezialisten darin, uns zu vergleichen.

Aber man kann nicht besser spazieren gehen.

Darin kann man niemanden schlagen, weil es keine Leistung gibt beim Spazierengehen. Nur Freiheit. Das ist genau das, was wir heute brauchen.

Das Spazierengehen fällt aus der Zeit: Hier machen wir freiwillig einen Weg.

Ray Bradbury, der berühmte Science-Fiction-Autor, ging von einer Zukunft aus, in der niemand mehr spazieren geht. In seiner Geschichte »Der Fußgänger« wird ein einsamer Spaziergänger im Jahr 2052 von einer Polizeistreife angehalten, einem leeren, automatischen Polizeiwagen, und eine blecherne Stimme fragt ihn: »Was tun Sie hier draußen?«
Als er erklärt, er gehe spazieren, fragt die Roboter-Streife verwirrt nach: »Spazieren. Nur spazieren. Spazieren?«
»Ja, Sir.«
»Wohin gehen Sie? Wozu?«
»Ich gehe nur an die Luft. Ich gehe, um etwas zu sehen.«
»Sie haben mir noch nicht erklärt, warum.«
»Doch. Wegen der Luft und einfach, um spazieren zu gehen.«
Das leuchtet der Polizei nicht ein, und der Spaziergänger wird abtransportiert zum »Psychiatric Center for Research on Regressive Tendencies«.

Auszug aus: Titus Müller: »Einfach mal spazieren gehen«, (c) Arche Literatur Verlag 2019.

Wir gehen immer schneller

Es gibt auf dem Land und in der Stadt eine unterschiedliche Laufgeschwindigkeit. Ich passe mich an. Bin ich zu Besuch in meiner alten Heimat Berlin, fällt mir jedes Mal der Unterschied auf.

Seit Jahrzehnten wird über die Laufgeschwindigkeit geforscht. Den Anfang machten 1976 die Psychologen Marc und Helen Bornstein. Sie wollten den Zusammenhang zwischen der Einwohnerzahl von Orten und dem Verhalten ihrer Bewohner untersuchen. Aus dem Versteck maßen sie in fünfzehn verschiedenen Städten der Welt die Laufgeschwindigkeit von Fußgängern. Ihre Ergebnisse veröffentlichten sie in der renommierten Zeitschrift Nature unter dem Titel: »Die Geschwindigkeit des Lebens«. Sie waren von verblüffender Eindeutigkeit: Je größer die Stadt, desto schneller laufen die Menschen. Von Psychro in Griechenland (365 Einwohner) bis Brooklyn, New York (2,6 Millionen Einwohner) reihten sich alle Städte entsprechend ihrer Einwohnerzahl in die Statistik ein, ob in Deutschland, Israel, der Tschechoslowakei oder Frankreich. Nicht nur war damit nachgewiesen, dass das Stadtleben schneller getaktet ist, sondern auch, dass unabhängig von der Landeskultur die Dichte der örtlichen Bevölkerung die Lebensgeschwindigkeit bestimmt.

Was ist der Grund dafür? Die Bornsteins vermuteten, dass Menschenmengen in großen Städten Verhaltensweisen auslösen, die soziale Störungen verhindern: Indem ich schneller gehe, vermeide ich, angesprochen und aufgehalten zu werden. Andere Psychologen glaubten, dass die Überreizung der Sinne einen sozialen Rückzug verursacht, um die Stimulation und Ablenkung durch die Umgebung zu verringern.

Inzwischen haben Forscher wie der Psychologe Robert Levine die Studie erweitert und andere Gründe für das schnelle Gehen gefunden. Levine untersuchte im Jahr 1999 Städte in einunddreißig Ländern und stellte fest, dass man am schnellsten in reichen Ländern läuft. Zwei der drei stärksten Faktoren für dieses Ergebnis waren das Bruttoinlandsprodukt und die Kaufkraft. (Der dritte Faktor war, wie ausgeprägt der Individualismus im jeweiligen Land ist.)

Wächst eine Stadt, steigen in der Regel auch die Lebenshaltungskosten wie z.B. die Miete. Gleichzeitig steigen die Löhne der dort arbeitenden Menschen, und damit der monetäre Wert, den sie ihrer Zeit zumessen. Mehr Geldwert aus der vorhandenen Tagesdauer zu pressen, wird dringlicher, und das Leben wird eiliger. Das hat auch Folgen für die Laufgeschwindigkeit.

Neben der Laufgeschwindigkeit maß Levine, wie genau die Uhren in Bankgebäuden eingestellt waren und wie schnell man in Postfilialen bedient wurde, wenn man Briefmarken kaufte. Aus allen drei Messungen erstellte er einen Wert für die Lebensgeschwindigkeit.

Nicht New York City zeigte die höchsten Ergebnisse, Städte in den USA und in Kanada rangierten eher im Mittelfeld. Das überraschte ihn, hat New York doch den unerschütterlichen Ruf, gestresste Bewohner zu haben. Nein, am schnellsten lebten Menschen in Westeuropa und in Japan. Von den neun Ländern mit der höchsten Lebensgeschwindigkeit lagen acht in Westeuropa, Deutschland auf Platz 3. Im Vergleich der 31 Länder standen wir bei der Schnelligkeit des Briefmarkenverkaufens auf Platz 1 und bei der Laufgeschwindigkeit auf Platz 5 hinter England und vor den USA.

Inzwischen hat man mit weiteren Studien nachgemessen – unter anderem Richard Wiseman, ein Psychologieprofessor an der University of Hertfordshire –, und dabei festgestellt, dass sich unsere Laufgeschwindigkeit weiter erhöht. Im Vergleich zu den 90ern gehen wir im Schnitt noch einmal 10 Prozent schneller. Weil wir durch das Internet und unsere Smartphones Informationen schneller empfangen und verarbeiten, erwarten wir auch von uns selbst, in derselben Zeit mehr zu erledigen, analysiert Wiseman in seinem Buch »Quirkologie«. In diesem beschleunigten Alltagsleben aber helfen wir laut seiner Studie unseren Mitmenschen weniger und leiden eher an Herzerkrankungen.

Da wundern wir uns darüber, dass das Leben an uns vorbeizurauschen scheint? Der Kreislauf aus Arbeiten-Essen-Schlafen, Arbeiten-Essen-Schlafen, Arbeiten-Essen-Schlafen macht uns schwindelig, wir wachen auf und staunen, dass Weihnachten schon so weit zurückliegt, dass wir so alt geworden sind, dass wir das Jahr 2019 schreiben.

Auszug aus: Titus Müller: Einfach mal spazieren gehen, (c) Arche Literatur Verlag 2019.

Ein Hoch auf die Lektoren

Ich war 23, als mein erster Roman lektoriert wurde. Die Genauigkeit und Leidenschaft, mit der mein damaliger Lektor Gunnar Cynybulk sich der Geschichte widmete, hat mich umgehauen. Ich habe von seinem Können enorm profitiert und seine Hilfestellungen aufgesogen wie ein Schwamm. Zwei Beispielseiten von damals zeige ich hier, ihr versteht sicher sofort, was das für mich bedeutet hat. Es sind Anfängerfehler, die ich damals gemacht habe – und er war sich nicht zu fein, mir das Handwerk beizubringen.

Manuskriptseite

TippsvomLektor

Heute heißen meine Lektoren Dr. Edgar Bracht (Blessing), Nicole Schol (Adeo) und Dr. Angelika Künne (Arche), und ich lerne von ihnen bei jedem Buch weitere sprachliche Kniffe, feine Geschichtenerzählertricks und einen liebevollen neuen Blick auf die Figuren und die Hintergründe des jeweiligen Buchs.

Zeit, es mal laut zu sagen: ein Hoch auf alle Lektorinnen und Lektoren! Ihr arbeitet im Verborgenen, aber ihr seid die eigentlichen Zauberkünstler, ohne die es niemals gute Bücher geben würde.

Edgar Bracht könnt ihr übrigens kennenlernen. Falls ihr selbst auch schreibt und seinen klugen Blick auf euer Romanprojekt wünscht, vom 4.-5. Mai gibt es in München eine Romanwerkstatt von ihm und mir gemeinsam, veranstaltet von der Text-Manufaktur. Ihr seid herzlich willkommen!