Leseprobe
Auszug aus dem ersten Kapitel
Unermüdlich liefen die zwei Ochsen, sanken mit ihren gespaltenen Hufen in die Schneedecke ein, schoben sich und das Joch auf ihren Schultern vorwärts. Hinter ihnen rollte ein Karren. Er war aus grobem Holz gezimmert und mit einer Plane aus Segeltuch zugedeckt; als Räder dienten unförmige Holzscheiben, die ihn in eine rumpelnde Schaukelbewegung brachten. Schneeklumpen wurden von den Scheiben aufgehoben und fielen dumpf herab.
Der Weg war schmal, und oft stieß der Wagen gegen einen tiefhängenden Tannenast oder ein Gebüsch, ein weißes Rieseln auslösend. Wie die Zweige wurden die Gerüche des Waldes vom Schnee zugedeckt, und so war die Luft unbeladen, klar, fast stechend leer. Auch das Ächzen des Karrens versank hilflos in der gedämpften Stille rechts und links des Weges. Wo am Himmel die Wintersonne stehen sollte, drang wenig mehr als ein blauweißes Schimmern durch die Wolkendecke.
Vorn auf dem Wagen saßen zwei Männer. Der stämmigere der beiden hatte sich eine Peitsche unter den Arm geklemmt und die Hände tief in der Pelzkleidung vergraben. Er schien mit offenen Augen zu schlafen, denn sein Blick wurde vom Schaukeln des Karrens umhergeworfen, fast willenlos, ohne irgendwo haften zu bleiben. Der andere dagegen sah aufmerksam um sich. Er war in eine Decke gehüllt und taute mit dem Atem die Schneeflocken, die sich darauf sammelten. Immer wieder glitten seine Augen über das Waldesdickicht; jetzt beugte er sich seitwärts vom Karren, um nach hinten zu schauen.
“Ihr fahrt zu einem Köhler?” fragte Germunt über die Schulter hinweg.
Der Stämmige brummte zustimmend.
“Gibt es vorher eine Ortschaft, in der Ihr mich absetzen könnt?”
“Ein Romane betreibt ein kleines Gasthaus am Weg.”
“Gut.”
Knochen knackten, als der Stämmige sich streckte. Nach einem lauten Gähnen fing er an, in der Kleidung zu graben, und holte ein kleines Säckchen hervor. Die Finger pickten darin herum, und ein leises Klingeln erscholl. “Nun, junger Freund, du bist mir sicher dankbar, daß du auf dem Wagen mitfahren durftest.”
Germunt sah zum Säckchen hinüber. “Natürlich, schon.”
“Wie dankbar genau? Einen Silberpfennig?” Der Stämmige grinste.
“Ihr wärt die Strecke doch so oder so gefahren.”
“Und du hättest dich fürchterlich verlaufen.”
Germunt lachte. “Diesen Weg kann man nicht verfehlen.”
Der Stämmige verstaute das Säckchen wieder. Dicke Falten erschienen auf seiner Stirn. “Hör zu, du Esel. Bis hierhin soll dich der Weg nichts kosten. Bin ja kein Unmensch. Aber wenn ich dich bis vor die Tür des Gasthauses fahre, muß was für mich rausspringen. Einen Pfennig wirst du doch bei dir haben! Entweder du zahlst, oder du läufst.”
Germunt starrte auf die weißen Wolken, die aus den Nüstern der Ochsen stoben. “Wie weit ist es bis dahin?”
“Weit.” Der Gefragte reckte aufwendig das Gesicht zum Himmel. Er nahm einen tiefen Atemzug. “Und wenn mich nicht alles täuscht, wird es bald schneien.”
“Es ist nicht christlich, die Not eines anderen auszunutzen.”
“Findest du? Ich zwinge dich zu nichts. Du hast die freie Wahl, ob du dich durch den Schnee kämpfen willst, oder ob du einen Pfennig aus deiner Geldkatze opferst. Übrigens hast du mit der Entscheidung noch bis zu dieser Wegbiegung da Zeit.” Der Stämmige deutete mit der Peitsche voran.
“Zu gütig.” Germunt streckte die müden Glieder. “Nun, dann wünsch ich Euch viel Erfolg, wenn Ihr Eure Kisten mit Nägeln verkauft. Ihr scheint ja große Not zu leiden.” Mit diesen Worten sprang er vom Karren und wandte sich rechts in den Wald. Er hatte längst das kleine Licht bemerkt, das in einiger Entfernung zwischen den Bäumen schimmerte.
“Mögen dir die Zehen abfrieren!” rief ihm der Karrenführer hinterher. Er ließ die Peitsche auf die Ochsenrücken knallen.
Tatsächlich erinnerten Germunt schon die ersten fünf Schritte daran, daß er Löcher in den Sohlen hatte. Kalt drang der Schnee in die Stiefel ein. Zuerst hatte er das Gefühl, auf rundgeschliffenen Steinen zu laufen, dann spürte er seine Füße überhaupt nicht mehr. Er schlug die Decke um sich und ging weiter, mal humpelnd, mal springend, immer auf das Licht zu.
Das Haus, das er schließlich erreichte, bestand aus einem riesigen Dach und niedrigen Holzwänden. An der Seite hatte es drei Luken, zwei waren mit Läden fest verriegelt, eine jedoch offen, um frische Luft hereinzulassen. Als Germunt auf der Stirnseite durch die Tür trat, wurde die Luke gerade von einem Mädchen geschlossen.
Augenblicklich erlosch das Tageslicht, und rötlicher Feuerschein spielte im Raumesinneren auf vier Tischen, die von Schemeln gesäumt waren. An der Stirnseite hatte man aus Feldsteinen einen Kamin aufgeschichtet. Darin prasselte ein helles Feuer, über dem ein gerupfter Vogel hing. Immer wenn sich ein Fettropfen löste, zischten die Flammen auf.
“Seid gegrüßt”, sagte Germunt, und als das Mädchen sich umwandte, lächelte er sie an: “Habt Dank für dieses Fenster - es hat mir den Weg zu Euch gewiesen.”
Sie schaute kurz zu den geschlossenen Fensterläden, dann lächelte sie auch und deutete auf einen Tisch, auf dem ein Talglicht flackerte. “Wenn der Herr Wolfsjäger nichts dagegen hat, mögt Ihr Euch zu ihm setzen.”
Ein Mann mit rabenschwarzem Schopf war der einzige Gast. Er musterte Germunt mitleidig. “Kommt nur herüber. Ihr seht recht erfroren aus.”
“Ich bin’s, ich bin’s”, lachte Germunt. Er setzte sich auf einen Schemel und riß sich die Stiefel von den Füßen. Harte Klumpen Schnee fielen auf den Boden.
“Mit diesem Schuhwerk seid Ihr durch den Schnee gelaufen?”
“Vor sechs Sonntagen waren die Stiefel noch neu.” Germunt löste sich die Decke von den Schultern und entblößte ein abgewetztes Lederwams.
“Also kommt Ihr von weit her? Der Abend scheint unterhaltsamer zu werden, als ich erwartet hatte. Wollen wir uns nicht zum Feuer setzen, bevor Ihr erzählt? Ihr habt Wärme nötig, und ich kann einen Blick auf dieses Rebhuhn werfen, daß es nicht schwarz wird. Ich bin Otmar.” Der Mann streckte ihm die Hand entgegen und Germunt ergriff sie, nannte seinen Namen.
Als der Jäger seinen Schemel zum Feuer trug, sah ihm Germunt nach, ein kurzes Zögern im Blick. Dann folgte er dem Schwarzschopf.
Kaum hatte er Platz genommen, ertönte es: “Willkommen. Kann ich dem Herrn etwas bringen?” Ein kleiner Kerl mit einem grauen Haarkragen um den kahlen Kopf blickte Germunt fragend an. Die braune Haut und die dunklen Augen wiesen ihn als Romanen aus.
“Diesen Vogel dort bratet Ihr sicher für”, Germunt stockte, “den Wolfsjäger?”
“Ich geb Euch gern die Hälfte ab”, kam Otmar dem Wirt zuvor. “Bringt uns nur ein wenig Honigwein, damit unserem Freund hier warm wird.”
Und seine Zunge sich löst, ergänzte Germunt in Gedanken. “Nein, für mich nur einen Krug heiße Milch.” Er griff sich unter das Lederwams und holte das kleine Säckchen hervor, das vor kurzer Zeit noch dem Karrenlenker gehört hatte. Mit einem raschen Blick prüfte er den Inhalt und steckte es wieder ein.
[Auszug]
Erschienen Oktober 2002 im Aufbau Taschenbuch Verlag, Berlin.
421 Seiten, 9,50 Euro.
Januar 2003 im Weltbild Verlag, Augsburg, als gebundene Ausgabe veröffentlicht (vergriffen).
April 2005 in griechischer Übersetzung erschienen.
454 Seiten, 16,00 Euro.
Juni 2005 im Brunnen-Verlag Gießen als gebundene Ausgabe veröffentlicht.
414 Seiten, 17,95 Euro.





