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Wir gehen immer schneller

Es gibt auf dem Land und in der Stadt eine unterschiedliche Laufgeschwindigkeit. Ich passe mich an. Bin ich zu Besuch in meiner alten Heimat Berlin, fällt mir jedes Mal der Unterschied auf.

Seit Jahrzehnten wird über die Laufgeschwindigkeit geforscht. Den Anfang machten 1976 die Psychologen Marc und Helen Bornstein. Sie wollten den Zusammenhang zwischen der Einwohnerzahl von Orten und dem Verhalten ihrer Bewohner untersuchen. Aus dem Versteck maßen sie in fünfzehn verschiedenen Städten der Welt die Laufgeschwindigkeit von Fußgängern. Ihre Ergebnisse veröffentlichten sie in der renommierten Zeitschrift Nature unter dem Titel: »Die Geschwindigkeit des Lebens«. Sie waren von verblüffender Eindeutigkeit: Je größer die Stadt, desto schneller laufen die Menschen. Von Psychro in Griechenland (365 Einwohner) bis Brooklyn, New York (2,6 Millionen Einwohner) reihten sich alle Städte entsprechend ihrer Einwohnerzahl in die Statistik ein, ob in Deutschland, Israel, der Tschechoslowakei oder Frankreich. Nicht nur war damit nachgewiesen, dass das Stadtleben schneller getaktet ist, sondern auch, dass unabhängig von der Landeskultur die Dichte der örtlichen Bevölkerung die Lebensgeschwindigkeit bestimmt.

Was ist der Grund dafür? Die Bornsteins vermuteten, dass Menschenmengen in großen Städten Verhaltensweisen auslösen, die soziale Störungen verhindern: Indem ich schneller gehe, vermeide ich, angesprochen und aufgehalten zu werden. Andere Psychologen glaubten, dass die Überreizung der Sinne einen sozialen Rückzug verursacht, um die Stimulation und Ablenkung durch die Umgebung zu verringern.

Inzwischen haben Forscher wie der Psychologe Robert Levine die Studie erweitert und andere Gründe für das schnelle Gehen gefunden. Levine untersuchte im Jahr 1999 Städte in einunddreißig Ländern und stellte fest, dass man am schnellsten in reichen Ländern läuft. Zwei der drei stärksten Faktoren für dieses Ergebnis waren das Bruttoinlandsprodukt und die Kaufkraft. (Der dritte Faktor war, wie ausgeprägt der Individualismus im jeweiligen Land ist.)

Wächst eine Stadt, steigen in der Regel auch die Lebenshaltungskosten wie z.B. die Miete. Gleichzeitig steigen die Löhne der dort arbeitenden Menschen, und damit der monetäre Wert, den sie ihrer Zeit zumessen. Mehr Geldwert aus der vorhandenen Tagesdauer zu pressen, wird dringlicher, und das Leben wird eiliger. Das hat auch Folgen für die Laufgeschwindigkeit.

Neben der Laufgeschwindigkeit maß Levine, wie genau die Uhren in Bankgebäuden eingestellt waren und wie schnell man in Postfilialen bedient wurde, wenn man Briefmarken kaufte. Aus allen drei Messungen erstellte er einen Wert für die Lebensgeschwindigkeit.

Nicht New York City zeigte die höchsten Ergebnisse, Städte in den USA und in Kanada rangierten eher im Mittelfeld. Das überraschte ihn, hat New York doch den unerschütterlichen Ruf, gestresste Bewohner zu haben. Nein, am schnellsten lebten Menschen in Westeuropa und in Japan. Von den neun Ländern mit der höchsten Lebensgeschwindigkeit lagen acht in Westeuropa, Deutschland auf Platz 3. Im Vergleich der 31 Länder standen wir bei der Schnelligkeit des Briefmarkenverkaufens auf Platz 1 und bei der Laufgeschwindigkeit auf Platz 5 hinter England und vor den USA.

Inzwischen hat man mit weiteren Studien nachgemessen – unter anderem Richard Wiseman, ein Psychologieprofessor an der University of Hertfordshire –, und dabei festgestellt, dass sich unsere Laufgeschwindigkeit weiter erhöht. Im Vergleich zu den 90ern gehen wir im Schnitt noch einmal 10 Prozent schneller. Weil wir durch das Internet und unsere Smartphones Informationen schneller empfangen und verarbeiten, erwarten wir auch von uns selbst, in derselben Zeit mehr zu erledigen, analysiert Wiseman in seinem Buch »Quirkologie«. In diesem beschleunigten Alltagsleben aber helfen wir laut seiner Studie unseren Mitmenschen weniger und leiden eher an Herzerkrankungen.

Da wundern wir uns darüber, dass das Leben an uns vorbeizurauschen scheint? Der Kreislauf aus Arbeiten-Essen-Schlafen, Arbeiten-Essen-Schlafen, Arbeiten-Essen-Schlafen macht uns schwindelig, wir wachen auf und staunen, dass Weihnachten schon so weit zurückliegt, dass wir so alt geworden sind, dass wir das Jahr 2019 schreiben.

Auszug aus: Titus Müller: Einfach mal spazieren gehen, (c) Arche Literatur Verlag 2019.

Ein Hoch auf die Lektoren

Ich war 23, als mein erster Roman lektoriert wurde. Die Genauigkeit und Leidenschaft, mit der mein damaliger Lektor Gunnar Cynybulk sich der Geschichte widmete, hat mich umgehauen. Ich habe von seinem Können enorm profitiert und seine Hilfestellungen aufgesogen wie ein Schwamm. Zwei Beispielseiten von damals zeige ich hier, ihr versteht sicher sofort, was das für mich bedeutet hat. Es sind Anfängerfehler, die ich damals gemacht habe – und er war sich nicht zu fein, mir das Handwerk beizubringen.

Manuskriptseite

TippsvomLektor

Heute heißen meine Lektoren Dr. Edgar Bracht (Blessing), Nicole Schol (Adeo) und Dr. Angelika Künne (Arche), und ich lerne von ihnen bei jedem Buch weitere sprachliche Kniffe, feine Geschichtenerzählertricks und einen liebevollen neuen Blick auf die Figuren und die Hintergründe des jeweiligen Buchs.

Zeit, es mal laut zu sagen: ein Hoch auf alle Lektorinnen und Lektoren! Ihr arbeitet im Verborgenen, aber ihr seid die eigentlichen Zauberkünstler, ohne die es niemals gute Bücher geben würde.

Edgar Bracht könnt ihr übrigens kennenlernen. Falls ihr selbst auch schreibt und seinen klugen Blick auf euer Romanprojekt wünscht, vom 4.-5. Mai gibt es in München eine Romanwerkstatt von ihm und mir gemeinsam, veranstaltet von der Text-Manufaktur. Ihr seid herzlich willkommen!

Recherche für den neuen Roman

Durchgearbeitet für den neuen Roman, der im Frühjahr 2020 erscheint: 

Buecherstapel

Ein Vergnügen!

Ist Gott gerecht?

Das Erdbeben von Lissabon im Jahr 1755 war die erste große Naturkatastrophe, die das Zentrum einer europäischen Großstadt erschütterte. Es folgten ein Tsunami und ein verheerender Großbrand. Innerhalb eines Vormittags wurde die Stadt Lissabon vernichtet. Tausende Menschen fanden den Tod: zerquetscht, verbrannt oder ertrunken.

Dabei hatte es nicht nur in Portugal gebebt. Dasselbe Erdbeben zerstörte in Nordafrika Moscheen und Synagogen. In Schottland und Wales spürte man das Beben, in Schweden, in Frankreich, in Deutschland. Die Flüsse der Schweiz führten Schlamm, und der See von Neuchâtel stieg über seine Ufer. Gegen zwei Uhr am Nachmittag brandeten die vom Erdbeben ausgelösten Wogen an die Küsten Englands und Irlands, um sechs erreichten sie die Bahamas.

Die Zerstörung Lissabons war ein Schock für die Menschen weltweit. Zum Beleg einige Zeilen aus einem Gedicht, das in der Leipziger Zeitung am 6. Dezember 1755 anonym veröffentlicht wurde:

O grässliches Schauspiel! Welch ein Entsetzen!
Wer lebet nicht und denkt, daß ihn auch treffen kann,
Was dort in Portugal geschehen?
Ein solches Elend anzusehen
Greift auch die härtesten und kältsten Seelen an.

In einem – ebenfalls anonym veröffentlichten – Flugblatt von 1755 heißt es:

Gott schlägt das Haupt, und ganz Europa bebt!
Ihr stolzen Städte zagt! und merkts an eurer Krone;
Wer weiß, wann euch sein Zorn in Schutt und Graus begräbt?
Nicht Lissabon allein hegt Sünder:
Wen dieser Fall nicht lehrt, dem droht sein Grimm nichts minder.

Voltaire – der, nebenbei bemerkt, von Jesuiten erzogen wurde –, veröffentlichte im Mai 1756 sein Gedicht Poème sur le désastre de Lisbonne. Manche lobten die Kunstfertigkeit, andere wandten sich angewidert ab vom düsteren Pessimismus und der Dreistigkeit des Gedichts.

Dass der Tod so plötzlich und unerwartet innerhalb von Minuten Tausende ereilt hatte, war eine furchtbare Vorstellung. Lissabon war ähnlich bedeutend gewesen wie Paris, London und Neapel. Dem Königreich der Seefahrer, die den Wasserweg nach Indien entdeckt hatten und mit Amerika Handel trieben, war plötzlich die weltweit bekannte Hauptstadt in Schutt und Asche gelegt worden. Über die Frage nach Gottes Rolle in diesem Unglück wurde ausgiebig debattiert. Daran war nicht zuletzt Gottfried Wilhelm Leibniz schuld, obwohl er zum Zeitpunkt des Erdbebens schon lange nicht mehr lebte.

Leibniz war ein großer Universalgelehrter gewesen, zugleich Philosoph, Mathematiker, Physiker, Historiker und Doktor des Rechts. Geboren 1646 in Leipzig, erfand er unter anderem eine Rechenmaschine mit binärer Zahlencodierung, wie sie noch heute in unseren Computern eingesetzt wird.

Neben seinen mathematischen und naturwissenschaftlichen Forschungen beschäftigte er sich auch mit der Frage, wie ein guter Schöpfergott mit all dem Bösen zusammenzubringen war, das auf der Welt geschah. Bis heute benennt man die Debatte mit dem Begriff, den Leibniz dafür prägte: Theodizee (von altgriechisch theós für »Gott« und díke für »Gerechtigkeit«). Wenn Gott allmächtig war und vollkommen gut, warum hatte er dann eine Welt geschaffen, in der es so viel Leid gab?

Um diese Frage geht es im Roman. Und um Antero Moreira de Mendonca, der die Jesuiten hasst. Als sie nach dem Erdbeben den Zorn Gottes predigen, sieht der junge Naturwissenschaftler die Gelegenheit gekommen, sich an dem Orden zu rächen. Doch Gabriel Malagrida, dem als Prophet verehrten Jesuitenführer, gelingt es, Antero ins Gefängnis zu bringen. Er soll hingerichtet werden. Seine einzige Chance, vielleicht noch mit dem Leben davonzukommen, ist die deutsche Kaufmannstochter Leonor. Tatsächlich hilft sie ihm. Doch sie ist, was Antero nicht weiß, ebenfalls eine Jesuitin ...

Falls ihr die Geschichte noch nicht kennt, wünsche ich spannende Lesestunden!

»Die Jesuitin von Lissabon« ist 2010 erschienen, und 2012 auch in Spanien, Portugal und den Niederlanden. Eine Neuauflage liegt seit heute in den Buchhandlungen.